Die E.T. begegnen anderen Menschen! Ein Interview

 

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Nächtliche Belastungsprobe auf der Wettsteinbrücke mit Autos und Lastwagen, zwischen 1936 und 1939. Foto Hoffmann, Basel. ©Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1045i 3-4 1

 

Schaut euch dieses Foto an. Es findet eine nächtliche Belastungsprobe auf der Wettsteinbrücke statt, in der Gesellschaft müssiger Zuschauer (am rechten Rand), die man in solchen Fällen immer finden kann. Oder sind sie etwa für die Belastung zuständig?
Dieses Foto stammt aus dem Fotoarchiv Hoffmann, das die Bilder enthält, die drei Generationen zwischen 1891 und ca. 2007 aufgenommen haben. Wir E.T. haben angefangen, menschliche Kontakte zu pflegen und konnten mit einer der Personen sprechen, die seit 2014 alle Fotos dieser Sammlung im Rahmen eines Erschliessungsprojekts anschaut, aber nicht, um sich zu fragen, wer die Personen am rechten Rand des Fotos sind, sondern, um die Fotos zu archivieren. Die Projektleiterin heisst Kerstin Brunner und ist im Staatsarchiv Basel unter anderem für die Erschliessung zuständig. Sind das zu viele Informationen auf einem Haufen? Dann fangen wir ordentlich beim Anfang an.

1) Was heisst Erschliessung?
Die Erschliessung ist eine Phase der Archivierung der Dokumente, die nach dem Vorarchiv stattfindet, d.h., bevor und während Akten ins Archiv kommen. Wer für die Erschliessung zuständig ist, muss den neuen Bestand, der vom Archiv akzeptiert worden ist, ordnen, einen Überblick über dessen Inhalt gewinnen, Lücken aufsuchen, den Dokumenten eine Signatur geben, Schutzfristen setzen und schliesslich in einen Archivbaum verzeichnen, so, dass alle Dokumente auf Query recherchierbar sind. Praktisch gesagt: Frau Brunner bekommt Akten und muss diese Akten durchschauen, ordnen und verzeichnen, so, dass sie öffentlich recherchier- und benutzbar sind.
Diese Akten können mehr oder weniger umfangreich sein. Die Zeit, die man braucht, um einen Block von Akten zu erschliessen, ist je nach Inhalt sehr unterschiedlich; pro Tag können je nachdem Zentimeter oder aber auch Meter verzeichnet werden. Ja, Meter! erstaunlich, nicht? Die Menge der Bestände wird pro Länge, die sie decken, gerechnet. Das kann eine Vorstellung davon geben, wieviel Platz das Archiv braucht, um alle seine Akten aufbewahren zu können. Die Akten stehen schliesslich nicht nur im Internet, oder?

2) Über den Beruf
Frau Brunner hat Geschichte, Ethnologie und Englisch studiert und hat seit der Mitte ihres Studiums angefangen, in Archiven zu arbeiten. Studenten und Studentinnen, spitzt also eure Ohren: In Archiven gibt es Arbeitsstellen. Zwar ist es ziemlich schwierig, eine feste zu finden, aber wenn man schon während des Studiums anfängt, in diese Welt einzudringen, sind die Möglichkeiten höher, eine zu finden. Frau Brunner hat auch betont, wie wichtig ihre Arbeit ist: Einerseits garantiert sie die Transparenz, andererseits stellt sie Material für die Forschung bereit; Frau Brunner betreibt also einen Kernteil des Berufs des Historikers. Wenn wir Studenten und Studentinnen Quellen für unsere Arbeiten suchen, sind sie für uns schon vorhanden und meistens realisieren wir nicht, dass jemand diese Quellen für uns gesammelt, geordnet, verzeichnet und archiviert hat. Ohne diesen „Jemand” könnten wir mit Geschichtsschreibung sehr schwierig anfangen.
Und noch eine – ein bisschen weniger ernste – Bemerkung: In ihrer Arbeit muss Frau Brunner nicht ständig am Computer sitzen. Sie muss auch stehen, sich bewegen und auch schwere Schachteln transportieren…

3) Die Hoffmann Sammlung
Gehen wir jetzt zurück zu unserem Foto und der Hoffmann Sammlung. Das Fotostudio Hoffman befand sich von 1891 bis 2002 auf der Clarastrasse in Kleinbasel. Die Familie war eine der wichtigsten Fotografendynastien von Basel. Das Staatsarchiv Basel hat jetzt den Auftrag, diese private Sammlung zu archivieren – private Sammlungen (PA) gehören nämlich auch zum Bestand des Archivs – und zwar in einem dreijährigen Projekt (2014-2017), das bald zu Ende ist. Die Sammlung enthält ungefähr 390 000 Fotos und deckt etwa 60 Laufmeter: Wenn man alle Fotos aufstapeln würde, wären sie fast so hoch wie der kleinste Turm des Basler Münsters! Vom Inhalt her gesehen ist die Sammlung recht vielfältig und historisch interessant: Man findet Portraits, Reklamefotos, Dokumentationsaufnahmen…
Frau Brunner muss zusammen mit zwei Mitarbeitern diese Fotos anschauen, ordnen, verzeichnen, verpacken und ihnen eine Signatur geben; d.h., wie wir gelernt haben, erschliessen. Einige davon werden auch digitalisiert. Der ganze Erschliessungsprozess findet in einer der Aussenstellen des Archivs statt und die Bestände werden dann auch dort aufbewahrt – d.h., 60 Laufmeter einer Archivstelle des Basler Staatsarchivs werden neu besetzt sein. Interessant im Erschliessungsprozess von Fotos ist, dass es für Bildmaterial deutlich weniger Bewertungsansätze als für Textmaterial gibt: Die Bilder aus dem Fotoarchiv Hoffmann werden eigentlich alle aufbewahrt, ausser wenn sie mehrfach vorhanden sind. In diesem Fall werden sie vernichtet oder, wenn diese es verlangen, den Besitzern zurückgegeben.

4) Einsichten und Aussichten
Die E.T. haben entdeckt, dass man sehr viel lernen kann, wenn man menschliche Kontakte pflegt. Manchmal auch mehr, als was man erwartet. Frau Brunner hat uns bis zum obersten Geschoss des Archivs geführt, hat unseren Horizont deutlich erweitert und unsere geographische Orientierung ersichtlich verbessert; Vom obersten Geschoss hat man eine wunderschöne Aussicht auf den Rhein und auf das Rathaus – und auf ganz Basel im Allgemeinen. Zudem haben wir herausgefunden, dass das Archiv eigentlich sieben Geschosse hat, wobei nur zwei davon oberirdisch sind, und einen Lift. Einen Lift? Den haben wir ja noch nie gesehen!

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