Bestandserhaltung: Was das Mäuschen in den Akten verloren hat (oder eben nicht)

Bestandserhaltung: Was das Mäuschen in den Akten verloren hat (oder eben nicht)

Bestandserhaltung. Das ist die Aufgabe Brigitte Heiz Schröders im Staatsarchiv. Diese Aufgabe beinhaltet mehr als ein wenig Bücher abstauben und schauen, dass niemand was aus dem Archiv mitgehen lässt. E.T. hat sich seine neuentdeckte Sozialkompetenz zu Nutze gemacht und diese interessante Person für euch getroffen.

Brigitte Heiz Schröder empfängt uns an ihrem eigenen Arbeitsplatz Dort setzen wir uns an einen mehrere Meter langen Tisch, denn die handwerklichen Aspekte ihres Berufs erfordern Platz – nicht alle zu restaurierende Objekte sind nämlich gleich handlich; Pläne zum Beispiel brauchen ihren Raum. „Restaurierung ist mal das eine; das heisst, man bringt die alten Objekte in eine Form, in der man sie wieder benutzen kann.“ – So fasst die Restauratorin eine ihrer Hauptaufgaben zusammen. Das Ziel ist also, dass fragile Objekte wieder benutzt  werden können und nicht etwa, fehlende Schriftbilder zu ergänzen. Es macht aber nicht viel Sinn, ein restauriertes Objekt in ein Magazin zu stellen, in dem es durch schlechte Einflüsse gerade wieder zu Schaden kommt. Deshalb ist es sehr wichtig, dem Archivgut ein „gesundes Umfeld“ zu bieten: das optimale Klima soll stabil sein und bei ca. 18 Grad und 45 Prozent Luftfeuchtigkeit liegen. Auch soll es keine Strom- oder Wasserleitungen, Fenster oder Arbeitsplätze in den Magazinräumlichkeiten haben.

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Beispiel eines schlechten Magazinraums (mit Fenstern) – Bauplanarchiv

Dies kann ein so altes Gebäude (Baujahr 1898/99) natürlich nicht bieten – einzig die zwei untersten Stockwerke, Magazin 1 und 2, die 1964 noch nachträglich gebaut wurden, sind in dem Sinne klimatisiert. Deswegen ist bis 2023/24 ein Neubau im St.Johann geplant, in dem solche Probleme nicht mehr bestehen sollen. Bis es soweit ist müssen im Archiv an der Martinsgasse die bestmöglichen Lösungen gefunden werden. In einem Sonderprojekt wurden deswegen von 2011 – 2014 unter anderem über 20’000  Faszikelmappen durch neue Archivschachteln ersetzt. Dies entspricht zwei Laufkilometern(!) Archivgut. Eine Faszikelmappe kann man sich wie eine Zeichnungsmappe in der Schule vorstellen, die mit Bändern zusammengehalten wird. Es verwundert nicht, dass diese das Archivgut nicht besonders gut gegen Staub, Wasser oder ein Feuer, geschweige denn gegen Klimaschwankungen, schützen können.

Eine solche Umverpackung braucht eine Menge Vorarbeit, wie das Ausmessen der Faszikelmappen, Eruieren von archivgerechten Schachteln und viel logistische Organisation. Der Bestand durfte ja nicht mehr Platz einnehmen als bisher, denn Platz ist im Archiv Mangelware. Auch das Material einer Archivschachtel ist von Bedeutung: der Karton muss heutzutage säurefrei sein, denn Säure könnte ins Archivgut wandern und seine Zersetzung vorantreiben. Auch mussten sie darauf achten, dass die Schachteln auf allen Seiten gut abgeschlossen waren, um vor Ungeziefer und Staub zu schützen – und für im Fall der Fälle auch gegen ein Unglück wie ein Feuer oder einen Einsturz, wie es ihn 2009  im historischen Archiv der Stadt Köln gegeben hat. Ein erfreulicher Nebeneffekt einer solchen Verpackungsaktion war, verrät uns Frau Heiz Schröder, dass dabei gerade wieder alles mal gesichtet und gereinigt werden konnte: Das Reinigungspersonal hat schlicht und ergreifend keine Zeit um hinter den Akten zu putzen.

Auch Handwerkliches gehört zu ihren Aufgaben: Das Anfertigen von Verpackungen auf Mass,  kleinere oder grössere Restaurierungen bis zum Ausbessern von beschädigten Objekten, die im Lesesaal landen sollen, ist alles dabei. Wie weit eine Behandlung gehen soll, wird anhand von historischen, archiv- und restaurierungstechnischen Faktoren bestimmt. Als Beispiel zeigt uns Brigitte Heiz Schröder ein Objekt der Bildersammlung; In dieser Sammlung wurden Bilder ganzflächig mit Leim bestrichen und auf grosse Kartonbögen geklebt. Leider eine schlechte Idee, findet sie: „Vor allen Dingen haben es Leute getan, die das Material nicht verstanden haben.“ Die Wellenbildung auf den Kartons ist wirklich kein schöner Anblick und führt zu Abreiberscheinungen auf den Bildern Ziel ist es nun, diese Sammlung in einen guten konservatorischen Zustand zu bringen; das heisst, alle Bilder abzulösen, restauratorisch zu behandeln und auf neuen Papierbögen mit Deckblatt zu montieren.

Gute Kenntnis des Materials, das verstehen wir nun gut, ist das A und O im Bereich der Bestandserhaltung. So muss auch alles, was neu in die Bestände des Archivs aufgenommen wird, in eine zur Aufbewahrung angemessene Form gebracht werden.  Plastikmäppchen sind zum Beispiel wegen ihrer Weichmacher dazu völlig ungeeignet.  Zudem gebe es immer noch sehr viele schlechte Magazinräume, meint Heiz Schröder, weil man die besten Räumlichkeiten verständlicherweise immer noch für die Menschen reserviere. Ein ganz kurioser Fund, der in eingegangenem Archivgut gefunden wurde, ist das Skelett eines kleinen Mäuschens – dieser Bestand kam nämlich aus einem Gartenhäuschen. Zum Schluss gab uns unsere Gastgeberin des Tages noch einen guten Tipp zur Aufbewahrung unserer Dinge:  „Wenn euch etwas lieb ist: arbeitet nie mit selbstklebenden Sachen!“ Denn nichts greift das Papier mehr an. Lasst euch das also gesagt sein und bis nächste Woche.

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